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	<title>Stiftung Saazer Heimatmuseum &#187; Vertreibung</title>
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	<description>Die Stiftung Saazer Heimatmuseum in Georgensgemünd</description>
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		<title>Biographie von Frau Erika Storey</title>
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		<pubDate>Thu, 31 Mar 2011 13:22:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dr. Gerhard Illing</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[England]]></category>
		<category><![CDATA[Erika Storey]]></category>
		<category><![CDATA[Saaz]]></category>
		<category><![CDATA[Vertreibung]]></category>

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		<description><![CDATA[Frau Erika Storey, geborene Schroll aus Saaz ist die Autorin des Buches „A Childhood in Bohemia and the flight to the West” erschienen in England und den USA in 2009. Es ist ein wertvoller Beitrag und Zeitzeugenbericht der schrecklichen Ereignisse &#8230; <a href="http://www.saazer-heimatmuseum.de/allgemein/biographie-von-frau-erika-storey/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Frau Erika Storey, geborene Schroll  aus Saaz ist die Autorin des  Buches „A Childhood in Bohemia and the flight to the West” erschienen  in  England und den USA in 2009. Es ist ein wertvoller Beitrag und Zeitzeugenbericht der schrecklichen Ereignisse von 1945/46 in Saaz, eingefügt in die Geschehnisse nach 1918 in englischer Sprache. Damit wurden in diesen Ländern diese Nachkriegsvorkommnisse bekannt gemacht.</p>
<p><a href="http://www.saazer-heimatmuseum.de/wp-content/uploads/2011/03/Top.jpg"><img src="http://www.saazer-heimatmuseum.de/wp-content/uploads/2011/03/Top.jpg" alt="" title="Top" width="752" height="602" class="alignnone size-full wp-image-265" /></a><br />
<em>Erika Storey mit ihrer Tochter auf dem Saazer St. Antonius Friedhof</em></p>
<p>Frau Erika Schroll wurde am 29.Dezember 1936 in Saaz  geboren und lebte in Saaz mit Ihrer  älteren Schwester Elisabeth, geboren am 25. 10.1932 und ihren Eltern Ferdinand Schroll (*14.6.1908 / + 13.10 1990) und Josefine Schroll geborene Soukup (* 29.12. 1901 / + 1.07.1992) bis 1938  am Lorettoplatz. Danach zogen sie um in ein neues Haus in die Trnowaner Straße und wohnten dort gegenüber dem St. Antonius Friedhof bis  zu Ihrer Vertreibung nach dem verlorenen Krieg 1945.</p>
<p>Am 13.Juni 1945 musste sie mit Ihrer Schwester und Mutter mit wenig Gepäck, wie alle deutschen Frauen und Kinder in Saaz die Wohnung verlassen. Sie wurde ohne ihren Vater, der als Soldat noch nicht zurück gekommen war, in die nahe gelegene SS-Kaserne getrieben. Im Lager traf die Mutter mit ihren beiden Töchtern ihre ältere Schwester und Tante Marie Stupka, geb. Soukup. Den Aufenthalt in dem Lager empfanden sie als Hölle. Es waren einige Tausend Frauen und Kinder auf engstem Raum untergebracht, die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, viele mussten auf dem nackten Beton- oder Ziegelfußboden schlafen, sie hungerten und litten Durst und wurden peinlichen Untersuchungen unterzogen. Viele waren krank auch  ihre Schwester Elisabeth, täglich starben Kleinkinder.</p>
<p>Am 28.06.1945  wurde sie mit ihrer Mutter und  Schwester mit über tausend anderen Lagerinsassen zum Bahnhof gebracht, in offene Kohlewaggons geladen und über Nacht<br />
nach Georgenthal im Erzgebirge transportiert. Von dort ging es zu Fuß in mehrtägigen Märschen über das Erzgebirge in die Silber- und Bergmannstadt Freiberg in Sachsen. Nach tage- und nächtelangen Aufenthalten in Notunterkünften (Turnhalle) wurden sie in einem ehemaligen Gasthaus  lagermäßig untergebracht. Ihre Schwester erkrankte ernstlich an einem rheumatischen Fieber, konnte aber 6 Monate im Krankenhaus versorgt werden und  überlebte so die Wintermonate 45/46.</p>
<p>Nach einem neunmonatigen Lageraufenthalt wurde Frau Schroll mit ihren beiden Töchtern in ein Zimmer ohne Heizung  in der Bergstiftgasse in Freiberg eingewiesen. Dort hungerten und froren sie zwei Jahre, wurden krank und magerten zu  Skeletten ab- die Schwester  musste wieder im Krankenhaus behandelt werden.</p>
<p>In zerlumpter Kleidung  mit  Holzschuhen fand sie ihr Vater 1947, der nach mehrjähriger Gefangenschaft in Jugoslawien nach. Westdeutschland entlassen wurde. Auch er hatte schreckliche Jahre überlebt. Über das „Rote Kreuz“ erfuhr er den Aufenthalt seiner Familie in der „Ostzone“. Es war ein erschütterndes Wiedersehen. Der Vater weinte als er nach Jahren seine Frau und beiden Töchter mit ihren Skelett ähnelnden Körpern in Freiberg wieder sah. Er wollte mit seiner Familie nach Bayern umsiedeln, das wurde nicht genehmigt. Als Ernährer der Familie sollte er zur Familie  nach Sachsen ziehen. Da gab es für ihn keine entsprechende Berufstätigkeit. So hat man beschlossen, dass Frau Schroll, die Mutter mit den beiden Töchtern illegal über die  Zonengrenze nach Bayern ging. Das geschah im Sommer 1947.</p>
<p>Wie in ihrem Buch beschrieben, wurde bei dem Überschreiten der Zonengrenze bei Hof auf sie geschossen, aber ihre Mutter meinte in Sachsen würden sie sowieso sterben und marschierte mutig weiter. Die Grenzposten brachten es wahrscheinlich doch nicht übers Herz die Mutter mit ihren beiden Kindern zu erschießen. Auf  bayerischer Seite trafen sie ihren Vater. Aber das glückliche Ende war noch nicht in Sicht. Sie mussten zunächst in ein Auffanglager in Regensburg um eine Aufenthaltsgenehmigung und Lebensmittelkarten zu bekommen. Als der Kommandant sie sah, teilte er ihnen mit, dass sie wegen Überfüllung des Lagers mit dem nächsten Zug wieder nach Sachsen zurück transportiert werden.</p>
<p>Die Verzweiflung war enorm, der Vater einer Ohnmacht nahe, da nahm die Mutter  ein Fläschchen mit Hoffmannstropfen aus ihrer Tasche, die der Kommandant als Gift betrachtete. Er sprang über sein Pult und rief  nicht schon wieder er hätte schon zuviel dergleichen gesehen und entließ uns ohne Aufenthaltsgenehmigung. Der Vater nahm seine Familie mit zu seinen Eltern, die als Heimatvertriebene in einem kleinen Dorf in Niederbayern wohnten. Dort konnten die vereinigte Familie zunächst in einem Zimmer bei einem Bauern wohnen, angewiesen auf die Barmherzigkeit des Bauern, der sie monatelang ohne Lebensmittelmarken mit durchfütterte.</p>
<p>Es waren beschwerliche Jahre. Ihre Schwester starb 1950 an einem Herzleiden. Eine Herzklappenoperation konnte  aus Kostengründen nicht durchgeführt werden. Erika ging bis 1952 zur Schule in das Nachbarsdorf und konnte durch Erholungsaufenthalte die Folgen ihrer Unterernährung überwinden. 1953 erhielt der Vater eine Anstellung bei der Bahn in Regensburg. Erika, jetzt 15 jährig, ging in Regensburg in die Handelsschule, bekam nach einer Lehre  eine Anstellung als Sekretärin und Buchhalterin bei dem Zeitschriftenverlag Dallmayer. Die lange Leidenszeit war überwunden und es konnte endlich ein normales Leben beginnen.</p>
<p>Erika  ging, wie das zu dieser Zeit öfters geschah, 1958 als „au pair Mädchen“ nach England. Dort lernte sie einen Lehrer kennen, den sie Ende 1960 in Regensburg heiratete. Sie gingen zurück nach England, bekamen in den darauf folgenden 10 Jahren 4 Kinder: Christine, Joseph Marion und Ellen. Die älteste Tochter Christine zog 1981 nach Deutschland, heiratete in Augsburg und lebt seitdem mit  zwei  Kindern dort.</p>
<p>1987 verstarb plötzlich Erikas Mann.1990 ihr Vater und 1992 ihre Mutter. Es waren wieder leidvolle Jahre. Während dieser Zeit schrieb sie das Buch  aufgrund ihrer sehr guten Sprachkenntnisse in englisch, weil in den englisch sprechenden Ländern wenig bekannt ist was im Krieg und nach dem Kriegsende in Europa und hier speziell in Böhmen geschah.  Mit einbezogen wurden die historischen Ereignisse zurück bis 1918 dem Ende des ersten Weltkrieges, um zu verstehen wie es zum zweiten Weltkrieg kam und den schrecklichen Ereignissen, die  Millionen von Menschen und vor allem die  Mütter und ihre Kinder widerfahren ist.</p>
<p><strong>Dr. Gerhard Illing</strong></p>
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		<title>Die Toten verpflichten die Lebenden</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Jun 2010 14:49:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Horst Helmer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Böhmen]]></category>
		<category><![CDATA[Brüx]]></category>
		<category><![CDATA[Fasangarten]]></category>
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		<category><![CDATA[Saaz]]></category>
		<category><![CDATA[Vertreibung]]></category>

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		<description><![CDATA[von Horst Peter Helmer, Jahrgang 1930 Dieser Erlebnisbericht ist eine schriftliche Fassung meiner Zeitzeugenaussage im Rahmen der Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft Hof vom Leid und Sterben deutscher Bürger in der Nachkriegszeit 1945 / 1946 in Saaz, Postelberg und Maltheuern bei &#8230; <a href="http://www.saazer-heimatmuseum.de/allgemein/die-toten-verpflichten-die-lebenden/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von <a href="http://www.horst-helmer-saaz.de">Horst Peter Helmer</a>, Jahrgang 1930</em></p>
<p>Dieser Erlebnisbericht ist eine schriftliche Fassung meiner Zeitzeugenaussage im Rahmen der Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft Hof vom Leid und Sterben deutscher Bürger in der Nachkriegszeit 1945 / 1946 in <a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Saaz">Saaz</a>, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Postoloprty">Postelberg</a> und Maltheuern bei Brüx im ehemaligen Sudetenland.</p>
<p>Die Staatsanwaltschaft Hof untersucht Verbrechen bei der Vertreibung der Deutschen aus ihrer angestammten Heimat im Sudetenland in Nord-Böhmen. Auf Verlangen der Kriminalinspektion Schwabach, Mfr. habe ich nachfolgende Aussagen über die Ereignisse in Saaz und in Postelberg in der Zeit vom 3.bis 8. Juni 1945, aus meinen Erinnerungen heraus, in Form eines Gedächtnis-Protokolls und als Ergänzung zu meinem Erlebnisbericht vom Januar 2001, unter dem Titel „Wider das Vergessen“ niedergeschrieben.<br />
________________________________________________</p>
<p>Mit der Kundmachung der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bene%C5%A1-Dekrete">Benesch-Dekrete</a> am 19. Mai 1945 wurden in der Tschechoslowakischen Republik alle Deutschen zu staatlich unzuverlässigen Personen erklärt und das gesamte deutsche Vermögen unter “nationale Verwaltung” gestellt. Am 2.Juni 1945 wurde Saaz von den sowjetischen Kampfverbänden an die tschechische Verwaltung übergeben. Truppen des tschechischen Generals Svoboda und tschechische Horden besetzten daraufhin die Stadt. Am Sonntag, dem 3. Juni 1945, erfolgte auf Befehl der tschechischen Stadtverwaltung die verhängnisvolle Austreibung der Saazer Männer. Diese erfolgte auf brutalste Weise.<span id="more-129"></span></p>
<p>In den frühen Morgenstunden hörten wir über die auf Autos montierten Lautsprecher, dass sich alle deutschen Männer sofort zum Ringplatz/Marktplatz begeben müssen. Dann drangen tschechische Soldaten, Gendarmen und Milizionäre in alle Häuser ein und trieben die bis 65 Jahre alten deutschen Männer und Jugendliche ab 13 Jahre mit Schlägen und Fußtritten aus ihren Wohnungen und weiter bis zum großen Ringplatz, der als Sammelplatz diente. Die Straßen hallten wider von Schreien, Flüchen und Schüssen. Kranke und Gebrechliche wurden von den tschechischen Unholden, die teils beritten waren, gnadenlos geschlagen, unmenschlich behandelt oder erschossen.</p>
<p><strong>Tschechischer Willkür ausgesetzt</strong></p>
<p>Auf dem Ringplatz übten der später als der “Henker von Postelberg” bekannt gewordene tschechische Polizei-Kapitän Marek (vorher war er Protektorats-Polizist), seine jugendlichen Mordgehilfen, die Brüder Petroluk, Svoboda-Soldaten und viele bewaffnete Zivil-Tschechen ihren menschenverachtenden Terror auf uns über 5000 zusammengetriebenen Deutschen aus. Wer während des stundenlangen Stehens in der immer stärker werdenden Tageshitze auffiel, oder infolge Ungeschicklichkeit oder körperliche Schwäche die befohlene Aufstellungsordnung nicht einhielt, wurde geschlagen und misshandelt. Auch die zu spät Gekommenen wurden so bestraft.</p>
<p>Verboten war auch das Verlassen der Reihe zur Verrichtung der Notdurft. Immer wieder wurden welche gepeitscht, geprügelt und umgebracht. Einen Toten sah ich neben dem Rathaus. Einen anderen Toten beim Kriegerdenkmal und einen weiteren vor den Lauben bei der Eisdiele Anastas. Kapitän Marek erschoss kaltblütig einen Nachzügler vor unseren Augen. Zu unserer aller Warnung, wie er grinsend sagte. Zudem erklärte er, dass alle Deutschen ohne Ausnahme rechtlose Verbrecher seien und als solche auch so behandelt werden müssen. Gegen 14 Uhr erfolgte der Abmarsch in Achterreihen und in drei Kolonnen. Flankiert von wild fluchenden tschechischen Begleitposten und berittenen Svoboda-Soldaten marschierten wir durch das Priestertor, über den Pflasterberg und über die Eger-Brücke dem Ungewissen entgegen.</p>
<p><strong>Schläge mit Knüppeln, Peitschen und Gewehrkolben</strong></p>
<p>Auf der Landstraße nach Postelberg schlugen die Begleitposten und ihre Gehilfen mit Knüppeln, Peitschen und Gewehrkolben immer wieder auf uns ein, um die Marschkolonnen ständig und schneller voran zu treiben. Vom langen Stehen in der glühenden Sonne, vom Marschieren und vom dabei aufgewirbelten Straßenstaub waren unsere Kehlen völlig ausgetrocknet. Wir hatten alle großen Durst. Trotzdem trieb man uns rücksichtslos und unbarmherzig weiter. Viele geschwächte und kranke Männer konnten nicht mehr weiterlaufen und blieben zurück. Sie wurden von den Tschechen auf bestialische Weise totgeschlagen, erschossen und in den Straßengraben geworfen.</p>
<p>Ich habe sieben Tote gezählt, hörte aber auch Schüsse und Schreie bei den anderen Kolonnen. Sicher wurden dort auch welche umgebracht. In unserer Reihe halfen wir uns gegenseitig so gut es eben ging und erreichten nach etwa 4 Stunden die Kleinstadt Postelberg. Diese schien ausgestorben. Vom grausigen Schicksal, das die deutschen Einwohner bereits erlitten hatten, wussten wir damals nichts. Uns trieb man in die alte Kavallerie-Kaserne. Im Kasernenhof mussten wir uns auf den schmutzigen, staubigen Erdboden hinsetzen. Fortan durften wir unseren Sitzplatz nicht mehr verlassen. Es gab nichts zu essen und nichts zu trinken. Mit kleinen Kieselsteinen im Mund versuchten wir etwas Speichel zu erzeugen. Es half nur wenig.</p>
<p>Frierend haben wir die Nacht verbracht, insbesondere betraf das uns Jungendliche, denn die meistens hatten nur leichte Sommerkleidung an. Die tschechischen Wachen um uns herum drohten ständig jeden zu erschießen, der versuchen würde seine Notdurft an einem anderen Ort im Kasernenhof zu verrichten. Plötzlich erschall wieder ein tschechisches Kommando. Professor Worzfeld, unser ehemaliger Mathematikprofessor im Saazer Gymnasium, übersetzte uns, die wir nahe um ihn herum waren, den Befehl: „Jeder muss auf seinem Platz sitzen bleiben.“</p>
<p><strong>Der Sadismus tobt sich aus</strong></p>
<p>Viele von uns Gefangenen, die das tschechische Kommando nicht verstanden hatten, erhoben sich. Sofort wurde gezielt auf sie geschossen. Sogar Handgranaten detonierten. Es gab viele Verwundete, Schwerverletzte und Tote. Auch in meiner unmittelbaren Nähe wurden zwei Männer verletzt und einer sogar tödlich getroffen. Welche von uns mussten die Toten und Schwerverwundeten zu den stinkenden ehemaligen Bombensplitter-Schutzgräben tragen und hineinwerfen. Hernach ermordeten unsere tschechischen Bewacher die noch Lebenden durch Schüsse. Lagerkommandant Marek nannte sie grinsend „Gnadenschüsse“. Später mussten wir diese Gräben als Latrine benutzen. Sie wurden zu den unwürdigsten Gräbern für viele Saazer Männer und Jungen.</p>
<p>Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die ungeheuerliche Nachricht, dass ein 17 jähriger deutscher Saazer – bis zum Kriegsende 1945 war er Hitlerjunge – ab dann war er urplötzlich Antifaschist und Antinationalsozialist &#8211; den jugendlichen tschechischen Wachposten Petroluk aufforderte den in seiner Nähe liegenden deutschen Schwerverwundeten, den Saazer Baumeister Josef Heinzel, zu erschießen, weil er dessen andauernden Hilferufe, das qualvolle Jammern und Stöhnen nicht länger mit anhören konnte und wollte. Das war „Anstiftung zum Mord“! Denn Baumeister Heinzel wurde unmittelbar danach vom jungen tschechischen Wachposten Petroluk erschossen. Leider blieb diese verwerfliche und unmenschliche Tat bis heute ungesühnt. Es wurde berichtet, dass dieser 17 jährige deutsche Anstifter &#8211; er lebt noch heute &#8211; bereits am zweiten oder dritten Tag aus der Lagerhaft entlassen und von seinem „Fürsprecher“ aus Saaz abgeholt wurde.</p>
<p><strong>Wer etwas verheimlicht, wird mit dem Tode bestraft</strong></p>
<p>Neue Kommandos und Befehle erschallten. Alle hatten ihr Geld, Schmuck und andere Wertgegenstände abzugeben. Es hieß: Wer etwas verheimlicht, wird mit dem Tode bestraft. Keiner zweifelte an der Ernsthaftigkeit dieser Drohung. Die von uns abgelieferten Wertgegenstände füllten große Kisten. Anschließend wurden wir gründlich durchsucht. Auch die Schuhe mussten wir ausziehen. Sachen, die für die Tschechen wertlos waren, wie Dokumente, Briefe, Medikamente, wurden auf einen Haufen geworfen und angezündet. Während den Aktionen gingen die tschechischen Sadisten wüst fluchend, schlagend und rücksichtslos durch unsere Reihen. Erneut erlebten wir einen sehr heißen Tag und eine kalte Nacht wieder ohne Essen und Trinken. Am nächsten Morgen begann der Lagerkommandant Marek mit der Sichtung.</p>
<p>Die ehemaligen Angehörigen der SS, NSKK, SA, der Wehrmacht, Polizei, die politischen Leiter, NSDAP-Parteigenossen und die ehemaligen Angehörigen der Sudetendeutschen Partei sollten sich freiwillig melden. Es herrschende ein Durcheinander, denn die Missverständnisse waren groß. In welche Gruppe sollte sich ein ehemaliger Soldat oder SS-Mann, der auch Angehöriger der NSDAP war, einordnen? Es ist mir nicht mehr möglich alles so genau zu beschreiben, wie und was sich in diesen Tagen auf dem heißen und stinkenden Kasernenhof zugetragen und abgespielt hat</p>
<p>Hier wurde geschossen, dort geschlagen, da schleifte man Leichen, laut schreiende Verwundete und Kranke weg. Welche von uns wurden aussortiert und fortgetrieben. Andere wieder hinter Stacheldraht und in leere Pferdeställe eingesperrt. Der ganze Hof hallte wider von tschechischen Kommandos, Geschrei und wüstesten Schimpfworten. Einige von uns gelang es aus einem alten Brunnenloch etwas Wasser zu schöpfen. Leider war unsere Gruppe zu weit weg davon. Somit gab es für Tausende von uns weder Essen noch Trinken. Gegen Abend durften einige Geistliche, Ärzte, Halbjuden, ehemalige KZ-Häftlinge und die angeblichen so genannten Antifaschisten die Kaserne verlassen.</p>
<p><strong>Grausame Exekution von fünf Jugendlichen</strong></p>
<p>In dieser so hoffnungslosen Zeit, völlig demoralisiert und dem Wissen um den immer schwächer werdenden Selbsterhaltungstrieb, hatte wohl jeder von uns mit dem Leben abgeschlossen. Die Menschenopfer dieser Tage konnten später nur ungenau bestimmt werden. Die Nacht war wieder kalt und erfüllt von Schüssen und von den Schreien der Schwerverletzten und Gepeitschten. Am nächsten Morgen ging es mit der Aus- und Einsortierung weiter. Einige Kolonnen mit Zivilgefangenen verließen die Kaserne. Sie kamen nicht wieder.</p>
<p>Fünf Jugendlichen gelang ein Ausreißversuch. Leider wurden sie kurz darauf beim Essen von Äpfeln in einem Garten entdeckt, eingefangen und dem Kommandanten Marek vorgeführt. Zur Strafe mussten sie in der Nähe der alten Reithalle die Hosen ausziehen. Die Züchtigung begann. Widerlich lachend schlugen die tschechischen Sadisten erbarmungslos mit Stöcken und Peitschen auf die weinenden, um Hilfe rufenden und um Gnade bettelnden 13 bis 15 jährigen ein. Das Blut rann ihnen dabei an den Beinen herunter.</p>
<p>Für uns war es schrecklich dieses unmenschliche Tun mit ansehen zu müssen. Zitternd vor Hilflosigkeit und Erregung verfolgten wir die entsetzliche Szene. Plötzlich verkündete ein Bewacher: Wer einen Fluchtversuch unternimmt, wird erschossen, so wie jetzt diese 5 Knaben erschossen werden! Sogleich wurden die Jungs gegen die Wand gestellt. Voller Angst bettelten sie um Erbarmen und riefen in ihrer Not nach ihren Müttern. Wir alle glaubten, dass die tschechischen Schergen zum Schluss doch nicht schießen würden. Es war ein Trugschluss.</p>
<p>Zwei tschechische Wächter legten an und feuerten tatsächlich auf den ersten Knaben. Dieser sackte sofort zusammen und sein Blut rötete die Wand. Eine schreckliche Szene. Daraufhin flehten die 4 anderen Buben: “Herr Kapitän“, wir wollten nicht fliehen und wir werden auch keine Äpfel mehr stehlen. Wir taten es doch nur aus Hunger. Um Gnade bittend ging einer von ihnen auf die mörderischen Henkersknechte zu. Rücksichtslos wurde er von diesen zusammengeschossen. Gnadenlos setzten die tschechischen Mörder ihr Massaker fort.</p>
<p>Bei einem wurde die Halsschlagader getroffen. Vom verspritzen Blut geröteter Mörtel platzte von der Mauerwand ab. Der fünfte blieb nach der ersten Salve stehen und schaute mit aufgerissenen Augen stumm in die Mündung der erhobenen Gewehrläufe. Erst durch weitere Schüsse wurde er zu Boden geschleudert. Mehrere Salven aus einer Maschinenpistole töteten die Sterbenden vollends.<br />
<strong><br />
Hilf- und wehrlos</strong></p>
<p>Zwangsläufig mussten wir, die in der Nähe dieses Geschehens auf der Erde saßen, gebannt und entsetzt dem bestialischen Morden zusehen. Ein Widerstand oder Eingreifen unsererseits, um dieses beispiellose Verbrechen zu verhindern, hätte zu einem wahren Gemetzel unter uns, den über 5000 Wehrlosen geführt. Denn bei den Kasernentoren waren jeweils zwei schwere Maschinengewehre aufgestellt. Zudem hielten viele mörderische Wachposten ihre Waffen erwartungsvoll und schussbereit auf uns gerichtet. Sie hofften sehr auf ein Eingreifen von uns. Denn nur allzu gern hätten sie uns Deutsche auch gnadenlos zusammengeschossen.</p>
<p>Die seelischen Qualen sollten an diesem Tag kein Ende nehmen. In den Pferdeställen, an der hinteren Schmalseite des Kasernenbaus, wurden Gefangene stehend eingepfercht. Gerhard Skalla war auch einer von ihnen. Durch die darin herrschende Hitze und den Sauerstoffmangel starben viele. Außerdem drangen Tschechen mit Stöcken und Peitschen bewaffnet in die Ställe ein. Danach hörten wir anhaltendes Stöhnen und Schmerzgeschrei. Das alles war schrecklich deprimierend und hoffnungslos.</p>
<p>Am vierten Tag wurde zum ersten Mal etwas Nahrung ausgegeben. Zehn Gefangene erhielten ein kleines Brot und ein wenig Wasser. Ohne Messer und Trinkgefäße verlief die Aufteilung unter uns Gefangenen nicht ohne Missgunst und Streit. Jeder glaubte der Benachteiligte zu sein. Unser aufgeregtes Verhalten steigerte wiederum die Tollheit der tschechischen Bewacher. Hier wurden welche mit Füßen getreten, dort geohrfeigt, hier hetzte man einen Wachhund auf Gefangene, dort wurden welche ausgepeitscht.</p>
<p><strong>Gezwungen zu Falschaussagen</strong></p>
<p>Nach dem Haupttor, auf der linken Seite des Kasernengebäudes, befand sich ein mit Stacheldraht umzäuntes Areal. Darin waren die von Mörder-Marek, so nannten wir ihn inzwischen, aussortierten und als „Nazi-Verbrecher“ eingestuften Gefangenen eingesperrt. Zur Strafe und auf Befehl mussten sich welche in Zweier-Gruppen gegenüberstellen und gegenseitig mit Knüppeln rücksichtslos prügeln, andere wiederum ohrfeigten oder peitschten. Posten wachten darüber, dass die Schläge auch hart genug ausgeführt wurden. Andere Gefangene hat Marek selbst gefoltert und zu Falschaussagen und Selbstbeschuldigungen gezwungen. Ich sah wie vier verletzte Deutsche mit Schlägen und Schüssen getötet und hernach ebenfalls in die Latrinen-Gräben geworfen wurden.</p>
<p>Zu Besuch kamen auch tschechische Frauen in den Kasernenhof. Lachend und feixend schauten sie sich die anhaltenden Quälereien und Morde an, die von ihren Landsleuten begangen wurden. Am Spätnachmittag erfolgte der erste Abtransport von vielen Saazer Männern. Sie kamen auch am nächsten Tag nicht zurück. Wieder wurden Gefangenen in einen Stall gepfercht. Es sollen über 200 gewesen sein. Nicht alle haben diese Tortur überlebt. Sie starben durch Hitzschlag und Sauerstoffmangel. Die verzweifelten Hilferufe blieben ungehört.</p>
<p>Früh um 7 Uhr öffnete man die Tür. Die Herausströmenden warfen sich schwer atmend auf die Erde, ihre Gesichter waren durch die erlittenen Qualen verzerrt. Einer wankte Hilfe suchend zu einem Posten hin und wurde von diesem gnadenlos zusammengeschossen. Manche wollten etwas sagen, brachten jedoch nur ein unverständliches Krächzen hervor. Die meisten Gequälten waren völlig verwirrt und teilnahmslos. Ein ehemaliger Hauptmann ging zum Lagerkommandanten Marek und bat ihn, entweder nach der Genfer-Konvektion behandelt zu werden oder wie ein deutscher Offizier sterben zu dürfen. Daraufhin musste er sich hinknien und erhielt vom Mörder Marek einen „wohlwollenden“ Genickschuss. Nicht nur dieser Tote, sondern auch andere Tote und Verletzte mussten von uns Gefangenen weggetragen und in die nach Fäkalien stinkenden Gräben im Kasernenhof geworfen werden.</p>
<p><strong>Massenmorde</strong></p>
<p>An diesem Tag begannen die Massenmorde. Immer wieder wurden größere Trupps zusammengestellt und zum hinteren Kasernentor hinaus geführt. Sie kamen nicht mehr zurück. Wir hörten Schüsse. Keiner von uns Zurückgebliebenen wusste damals, was mit diesen Menschen geschehen ist. Späteren Nachforschungen haben ergeben, dass die Saazer Männer, die im „Fasangarten“ und an anderen Stellen um Postelberg herum erschossen und in Massengräbern verscharrt wurden, weit mehr als 1200 waren.</p>
<p>Am fünften Tage wurden hunderte zu Zwangsarbeiten in die Arbeitslager und Bergwerke nach Joachimsthal und Klatno gebracht. Andere hatten Glück und kamen nach Saaz in die dortigen Arbeitslager. Um die 1500 wurden mit Lastkraftwagen nach Maltheurn bei Brüx transportiert und in die dortigen ethnischen Zwangsarbeitslager Tabor 27, 28 und 17/18 eingesperrt. Zusammen mit meinen Freunden Franz Wolfram, Heinz Happich, Ruthard Blumauer, Heinz Deimling, Werner Funk und anderen Jugendlichen kam auch ich in das berüchtigste aller Lager, in das Straflager für Naziverbrecher „Tabor 28“.<br />
Das geschah alles willkürlich ohne besonderen Grund.<br />
<strong><br />
Tief ins Gedächtnis eingeprägt</strong></p>
<p>Jeden Tag marschierten wir unter martialischer Bewachung in die „Stalin Werke“. Es waren die ehemaligen Hermann-Göring-Benzin und Öl-Hydrierwerke. Dort verrichteten wir unter strengster Aufsicht schwerste körperliche Aufräumungsarbeiten. So bargen wir auch die während des Krieges durch alliierte Bomben getöteten, halb verwesten und verbrannten Menschen aus den Trümmern. Es war alles ein unbeschreiblich schreckliches Geschehen. Über die in dieser Zeit von Tschechen an Deutschen begangenen Nachkriegsverbrechen und abscheulichen Geschehnisse, von denen ich viele mit ansehen und erleben musste, habe ich in meinem Erlebnisbericht unter dem Titel “Wider das Vergessen” ausführlich dargestellt.</p>
<p>Diesem wahrheitsgetreuen Bericht liegen die in meinem Gedächtnis tief eingeprägten und leider unauslöschbaren Erinnerungen an diese grausame Zeit zu Grunde. Die Eingangs von mir genannte Anzahl an ermordeten Saazer Deutschen habe ich selbst gesehen, diese entspricht jedoch keinesfalls der Anzahl derer, die tatsächlich von den damals ausgesprochen sadistischen Tschechen in dem angegebenen Zeitraum und in und an den genannten Orten bestialisch umgebracht worden sind.</p>
<p>Ein Handskizzen-Lageplan über die Hinrichtungsstätten und Massengräber in und um Postelberg liegt bei. 1945 wurden von den Tschechen im Fasangarten 763 Mordopfer exhumiert und an einen unbekannten Ort verbracht. Das wurde inzwischen von amtlicher Seite in Prag bestätigt.</p>
<p>Horst P. Helmer (Muhr am See, 28. März 2001)</p>
<p><strong>Zu dem Thema</strong><br />
<strong><a href="http://www.horst-helmer-saaz.de">Private Homepage von Horst Helmer</a>r</strong><br />
<strong><a href="http://www.saazer-heimatmuseum.de/?p=43">Wider das Vergessen &#8211; von Horst Helmer</a><br />
</strong><br />
<a href="http://www.saazer-heimatmuseum.de/?p=123"><strong>Die Massaker von Postelberg &#8211; Erinnerungen an 1945 &#8211; von Hilde Dalbert-Gundermann</strong></a><strong><br />
<a href="http://www.saazer-heimatmuseum.de/?p=51"><br />
<strong><a href="http://www.saazer-heimatmuseum.de/?p=126">Die grauenvollen Tage von Saaz und Postelberg</a><br />
</strong></a><br />
<a href="http://www.saazer-heimatmuseum.de/?p=126">Gegen das Vergessen &#8211; von Gerhard Illing</a></strong></p>
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		<title>Wider das Vergessen &#8211; Horst Helmer</title>
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		<pubDate>Sat, 17 May 2008 09:42:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Horst Helmer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Horst Helmer]]></category>
		<category><![CDATA[Postelberg]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Mai / Juni 1945 begannen die Gräueltaten und Massaker an der deutschen Bevölkerung im Sudetenland. In einem lesenwerten und erschütternden Bericht schildert Horst Helmer seine schrecklichen Erlebnisse (damals 15 Jahre alt). Es ist ein Bericht unter vielen – wider &#8230; <a href="http://www.saazer-heimatmuseum.de/allgemein/wider-das-vergessen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Mai / Juni 1945 begannen die Gräueltaten und Massaker an der deutschen Bevölkerung im Sudetenland. In einem lesenwerten und erschütternden Bericht schildert <a href="http://www.horst-helmer-saaz.de">Horst Helmer</a> seine schrecklichen Erlebnisse (damals 15 Jahre alt). Es ist ein Bericht unter vielen – wider das Vergessen.</p>
<p><img src="http://wordpress.p27364.webspaceconfig.de/wp-content/uploads/2008/05/helmer-portrait-text.jpg" alt="helmer-portrait-text.jpg" /></p>
<p>55 Jahre habe ich über die von Tschechen an Saazer und anderen Deutschen in 1945 und 1946 begangenen sadistischen Massaker und bestialischen Morde geschwiegen, selbst meiner Familie und meinen beiden Söhnen gegenüber. Verdrängen und vergessen wollte ich die die so belastenden Bilder des Grauens. Es ist mir nicht gelungen.<span id="more-43"></span></p>
<p>Wenn Medien über unmenschliche Gräueltaten berichten, wie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 2. Dez. 2000: „Erhob sich am Morgen einer, wurde er erschossen“, kehren auch meine Erinnerungen an diese schicksalsschwere Zeit deutlich zurück. Sie begann im Mai 1945 nach dem Abzug der sowjetischen Siegertruppe, fremde tschechische Horden in die Stadt Saaz (jetzt Žatec) an der Eger im sudetendeutschen Nordböhmen einfielen. Sie bezeichneten sich als „Revolutionäre Garden.“</p>
<p><strong>Auch die kommenden Generationen sollen über die von Tschechen an Deutschen in der Nachkriegszeit begangenen Gräueltaten und Massenmorde informiert werden.</strong></p>
<p>Ich gehöre dem rasch kleiner werdenden Personenkreis von Saazern an, die folgendes erlebt und überstanden haben:</p>
<li>Sprengbomben- und Munitions-Aufräumarbeiten</li>
<li>den verhängnisvollen Menschenauftrieb auf dem Saazer Ringplatz,</li>
<li>den Todesmarsch nach Postelberg (Postoloprty),</li>
<li>die Hölle in der ehemaligen Kavallerie-Kaserne in Postelberg,</li>
<li>die Zwangsinhaftierung im berüchtigten ethnischen Straflager für ehemalige Nazis „Tábor 28“ in Maltheuern bei Brüx (Most),</li>
<li>das Zwangsarbeitslager für Jugendliche „Tábor 17/18“ bei Brüx sowie</li>
<li>die Zwangsarbeit in den Hydrierwerken in Oberleutensdorf bei Brüx.</li>
<p>Außerdem gehöre ich zu denen, die:</p>
<li>die Haftentlassung aus dem „Tábor 17/18“,</li>
<li>die Anstellung als technische Hilfskraft im tschechischen Staatsbetrieb „Fabrik für Motor-Kraftstoffe “ in den Hydrierwerken,</li>
<li>die Freilassung ihrer weiblichen Familienangehörigen aus der Lagerhaft in der ehemaligen SS-Kaserne in Saaz erreichen konnten und</li>
<li>die schließlich bis zur Zwangsvertreibung 1946 in ihre eigenen Wohnungen in Saaz zurückkehren durften.</li>
<p><strong>Mein folgender Bericht enthält nur Fakten, Fakten, Fakten</strong></p>
<p>Im Verlauf des zweiten Weltkrieges kehrte mein Vater, Eduard Helmer, (Dipl.-Braumeister) im Jahre 1940 von seiner Auslandstätigkeit als Technischer Direktor im Brauereikonzern FIX in Griechenland mit meiner Mutter, Marie Helmer, mit meiner Schwester Lilo und mit mir aus Saloniki (meinem Geburtsort) nach Prien am Chiemsee und 1941 nach Saaz, in die Heimatstadt meiner Eltern zurück.</p>
<p>Nach Kriegsende 1945, im Alter von 15 Jahren, habe ich eine Zeit qualvoller Leiden an der Seite von Herrn Professor Franz Worzfeld, meines ehemaligen Mathematiklehrers im Saazer Gymnasium, erlebt. Mit großer Dankbarkeit gedenke ich seiner menschlichen Größe, seiner Unterstützung und Hilfe, die er ungeachtet der ständig drohenden Gefahr, von den tschechischen Schergen dafür hart und brutal bestraft zu werden, uns seinen Leidensgefährten, während des Todesmarsches von Saaz nach Postelberg und in der ehemaligen Kavalleriekaserne in Postelberg gewährt hat, später auch im ethnischen Straf-und Zwangsarbeitslager „Tábor 28“.</p>
<p>Zur Erinnerung an Professor Worzfeld habe ich einige Passagen seinem Erlebnisbericht „Saaz &#8211; Postelberg &#8211; Maltheuern &#8211; Lager 28“ entnommen und in meinen Bericht eingefügt.</p>
<p>Aufzeigen werde ich auch einige unglaubliche Massaker, die Tschechen im berüchtigten ethnischen Straflager für angeblich besonders schwer zu bestrafende ehemalige Nazis „Tábor 28“ begangen haben. Meines Wissens wurden gerade diese grauenvollen Morde bis heute nicht deutlich und ausführlich genug geschildert und niedergeschrieben.</p>
<p>Wie viele von uns den um die 1800 zwangsinhaftierten Deutschen im ethnischen Zwangslager „Tabor 28“ von den tschechischen Wachleuten, genannt Lager-Kapos, umgebracht wurden unter ihnen befand sich auch unser Englischlehrer Professor Dr. Paul Hermann und an den Folgen der ihnen dort zugefügten Verletzungen starben, ist wohl nur den Tschechen selbst bekannt. Kein Deutscher kennt auch nur annähernd die genaue Anzahl der Toten. Waren es 1000, 2000 oder mehr?</p>
<p>Zwar wusste man von früher, wozu Tschechen in ihrem Hassgefühl gegen alles Deutsche fähig sein können. Doch was am 3. Juni 1945 und nachher geschah, ist so grausam, ja geradezu die Auswirkung niedrigster tierischer Instinkte, dass man an allem Gutem im Menschen, am Sinn des Lebens selbst zweifeln könnte. Viele Tausende haben diese Leidenszeit nicht überlebt. Und warum nicht? Nur weil sie Deutsche waren.</p>
<p>Schwerste Verbrechen wurden begangen an wehrlosen sudetendeutschen Zivilisten. Ihnen wurde Hab und Gut genommen und die Heimat geraubt, in der sie seit Urväter Zeiten neunhundert Jahre lang lebten und ihre Heimat durch ihrer Hände Fleiß zu einem blühenden Land gemacht hatten. Wochen und Monate eines Martyriums machten die Sudetendeutschen durch, ohne dass die Welt davon Notiz nahm. Man ließ zu, offenkundig mit Wissen und Wollen von oben, dass sich der tschechische „revolutionäre Mob“ austobte. Es floss ja „nur<br />
deutsches Blut“.</p>
<p>In Saaz allein sollen aus dieser Zeit nahezu 2000 Opfer zu beklagen sein, eingerechnet auch die, die den Freitod langen qualvollen Martern, Misshandlungen und Vergewaltigungen, oder weil sie bereits welche erlitten hatten, vorzogen. Mein Onkel Anton Zucker und meine Tante Antonia, wurden in ihrer eigenen Villa im Tellweg (Vogelstange) in Saaz von den darin einquartierten sowjetischen Soldaten immer wieder vergewaltigt bevor sie am 13.Mai 1945 Selbstmord begingen. Erst acht Tage danach brachte man sie auf einem Pritschenwagen weg. Mein Schulfreund Ewald Rust war Zeuge dieses für Menschen unwürdigen Geschehens.</p>
<p><strong>Gnadenloser tschechischer Willkür ausgesetzt</strong></p>
<p>Nach Kriegsende, wurde ich als 15-jähriger ab 12. Mai auf Befehl der tschechischen Miliz zur Zwangsarbeit in ein aus Deutschen bestehendes Bomben-Räumkommando eingeteilt. Auf dem ehemaligen Saazer Kriegsflugplatz für Turbinen-Jagdflugzeuge – Vorgänger der heutigen Düsenjäger &#8211; wurden wir gezwungen, frei herumliegende, scharfe Munition einzusammeln. Mit bloßen Händen und eigener Körperkraft rollten, schleppten und trugen wir auch schwere Flieger-Sprengbomben und FLA- (Fliegerabwehr-) Granaten zur Verladestelle. Mehrmals kam es bei diesen lebensgefährlichen Arbeiten zu Unfällen und zu Explosionen. Dabei wurden ausschließlich deutsche Zivilisten verletzt und getötet.</p>
<p>Die tschechischen Begleitposten beaufsichtigten uns aus einer für sie sicheren Entfernung und näherten sich uns nur nach Unfällen mit lautem Schimpfgeschrei und wüsten Flüchen. Wir wurden der Sabotage bezichtigt und dafür gleich vor Ort mit brutalen Fußtritten und schweren Stockschlägen bestraft; ungeachtet der herumliegenden, um Hilfe rufenden, meistens auch verstümmelten Schwerverletzten. Erst viel später durften wir die wimmernden Menschen auf einen Lastkraftwagen legen. Einige, die inzwischen den Verletzungen erlegen waren, wurden mit aufgeladen. Wohin man sie gebracht hat? Wir haben es nie erfahren. Das waren meine ersten schlimmen und erschütternden Erlebnisse, für die Tschechen verantwortlich waren.</p>
<p><strong>Es sollte jedoch alles noch viel, viel schlimmer kommen</strong></p>
<p>Was war an dem besagten 3. Juni 1945 und in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten geschehen? Es waren die grässlichsten und furchtbarsten Erlebnisse, die ein Mensch durchmachen kann: zusehen zu müssen, wie wehrlose Menschen, die nichts verbrochen hatten, von verhetzten Chauvinisten gepeinigt, verstümmelt, erschlagen oder erschossen wurden, aus reiner Lust am Morden!</p>
<p>Auf Befehl der tschechischen Stadtverwaltung und der Miliz von Saaz, wurden am Sonntag, den 3.Juni 1945, alle Männer und Jugendliche ab 13 Jahren aus ihren Wohnungen getrieben. Der Befehl lautete: Alle müssen sich sofort und schnell auf den Ring-Platz (vorher Adolf Hitler Platz.) begeben. Für Nichtbefolgung drohte die Todesstrafe. Ich eilte vom Florians-Platz aus zum Ring-Platz und ordnete mich bei den dort bereits versammelten Männern, rein zufällig, neben Herrn Professor Worzfeld – er war im Saazer Gymnasium unser Mathelehrer &#8211; ein. Nach einigen Stunden waren es um die 5000 deutsche Saazer Männer und Jugendliche. Dann kam der Marschbefehl zum legendären Todes-Marsch nach Postelberg &#8211; ob in den sicheren Tod oder zur Zwangsarbeit, keiner wusste es. Im Kasernenhof der ehemaligen Kavallerie-Kaserne blieb ich an der Seite von Professor Worzfeld. Der größte Teil dieser Männer hat Saaz nicht wieder gesehen.</p>
<p>Auf dem staubigen und steinigen Erdboden des Kasernenhofes mussten wir unter freiem Himmel vier Tage ohne Essen und Trinken verbringen. Tagsüber brannte die Sonne auf uns herab. Nachts war es mitunter sehr kalt. Da fror ich in meiner kurzen Hose und kurzen Hemd erbärmlich. Zudem waren wir der totalen Willkür und dem Vernichtungswillen der tschechischen Miliz und ehemaliger slowakischer Partisanen schutzlos ausgesetzt.</p>
<p><strong>Alle von diesen tschechischen Schergen an Deutschen begangenen Verbrechen<br />
geschahen auf Befehl und Duldung eines Tschechen, des berüchtigten Polizeikapitäns und Lagerkommandanten Josef Marek – ein ehemaliger Protektoratspolizist &#8211; einer Bestie in Menschengestalt!</strong></p>
<p>Auf eine weitergehende Schilderung dieser Taten und Morde, die im Kasernenbe¬reich, in der Umgebung von Postelberg, in Saaz, auf dem Ringplatz, beim Todes-Marsch nach Postelberg und im Frauenlager in der ehemaligen SS-Kaserne in Saaz geschehen sind, verzichte ich in meinem Bericht. Darüber liegen bereits authentische Berichte und Dokumentationen vor. Auch Willy Brand berichtete als Journalist und Zeitzeuge bereits 1945 in der US-Zeitung „Der Wanderer“ über die von Tschechen in der Nachkriegszeit an deutschen Zivilisten und ehemaligen deutschen Soldaten in Saaz und Postalberg begangenen Verbrechen.</p>
<p>Schnell verbreitete sich die Nachricht, dass ein 17 jähriger Saazer, er gab sich als Antifaschist aus, einen tschechischen Wachposten aufforderte den in seiner Nähe liegenden Schwerverwundeten Baumeister Josef Heinzel zu erschießen, weil er dessen lautes schmerzvolles Stöhnen nicht länger mit anhören wollte. Prompt erschoss der junge Tscheche diesen armen Mann. Das war Anstiftung zum Mord! Leider blieb diese verwerfliche Tat bis heute ungesühnt.</p>
<p>5 Jugendliche im Alter von 13 bis 15 Jahren waren aus Hunger ausgerissen, um sich in einem Garten Äpfel zu holen. Sie wurden eingefangen, gefoltert und anschließend an eine Wand gestellt und vor unseren aller Augen erschossen. Es war schrecklich.</p>
<p>Es war am fünften Tag als wir, 20 Jugendliche und gleich viele Männer, im Kasernenhof die hohe Ladefläche eines offenen Lastwagens besteigen sollten. Einigen gelang es anderen nicht, weil wir durch die entbehrungsvollen Tage schon zu entkräftet waren. Deshalb halfen wir uns gegenseitig beim Erklettern des LKWs. Darauf hatten die niederträchtigen Schergen nur gewartet. Sofort droschen sie mit ihren Schlagstöcken und neunschwänzigen Lederpeitschen hemmungslos auf uns ein. Solche Lederpeitschen wurden vormals beim Reichsarbeitsdienst zum Ausklopfen von Matratzen und Decken verwendet. Was hatten sie mit uns vor? Wohin wollten sie uns bringen? Sollten auch wir beseitigt werden? Wir hatten panische Angst! Herrn Professor Worzfeld hatte man schon vorher abtransportiert.</p>
<p>An vorangegangenen Tagen mussten immer wieder Saazer in Kolonnen zur Kaserne hinaus marschieren. Danach hörten wir meistens Salven aus Gewehren und Maschinenpistolen. Keiner mehr von ihnen kam zurück. Wo waren sie geblieben?</p>
<p><strong>Annähernd 2000 Deutsche sollen in Postelberg umgebracht, willkürlich hingerichtet worden sein. Es war der „größte Nachkriegs-Massenmord der Geschichte“! Dieser Massenmord wurde inzwischen von tschechischer Seite bestätigt und dokumentiert! </strong></p>
<p>Um die 3000 Deutsche wurden von den Tschechen aus der Postelberger-Kaserne zu Zwangsarbeiten in die Bergwerke von Joachimstal und Kladno sowie in die ethnischen Straf- und Zwangsarbeitslager nach Maltheuern bei Brüx verschleppt. Von Postelberg kamen etwa 1000 Männer zurück nach Saaz in Arbeitslager.</p>
<p>Auf dem blanken Pritschenboden eines Lastkraftwagen sitzend fuhren wir aus dem Kasernenhof ab. Nach einer längeren wilden Fahrt sahen wir links und rechts der Landstraße mit Stacheldraht hoch eingezäunte Barackenlager. Es waren die uns bis dahin nicht bekannten Lager für ehemalige während des Krieges zur Arbeit in den Hydrierwerken verpflichtete Ausländer und Kriegsgefangene. Auch Sonderlager für ehemalige Straftäter (1939 – 1945) waren dabei. Unsere Fahrt endete im schlimmsten von allen, im ethnischen Konzentrationslager für besonders schwer zu bestrafende Nazi-Verbrecher, im berüchtigten „Tábor 28“, in Maltheuern bei Brüx.</p>
<p>Damals soll es um Brüx mehr als 30 Zwangslager mit schuldlos inhaftierten Zivildeutschen gegeben haben. Wir wurden von den tschechischen Wachposten, den „Lager-Kapos“, mit wüsten Schimpfworten, wie z.B. „Hurensohn“, „deutsches Schwein“, „Nazi-Drecksau“ und mit noch viel vulgäreren Ausdrücken empfangen.</p>
<p>„Sup, sup“ (Zack, zack) mussten wir vom Lastwagen herunter springen und das von den Lager-Kapos gebildete Spalier durchlaufen. Dabei traten diese Sadisten mit ihren schweren Stiefeln von beiden Seiten auf uns ein und schlugen außerdem mit ihren Gummiknüppeln und Peitschen auf unsere Köpfe und Rücken. Wehe es fiel einer hin. Gnadenlos wurde solange auf ihn eingedroschen, bis er wieder auf die Beine kam und weiter lief. Am Ende auf einem Tisch standen Töpfe mit gelber und weißer Farbe. Jedem von uns wurde ein großes „T28“ auf den Rücken gepinselt, vielen zusätzlich noch ein Hakenkreuz. Die Männer mussten sich ausziehen und bekamen dafür alte, abgetragene Wehrmachtsklamotten oder schwarzgrau- gestreifte Sträflingskleider. Wir Jugendlichen durften vorerst ihre Kleidung anbehalten. Die Tortur ging aber weiter, indem man uns die blutenden und schmerzenden Köpfe rabiat kahl schor. Uns, die jetzt so jammervoll aussahen, kamen die Tränen. Wir hatten dadurch jegliches Selbstwertgefühl und den letzten Rest an Menschenwürde verloren.</p>
<p><strong>Es war alles so entsetzlich hoffnungslos. </strong></p>
<p>Lange dauerte es, bis jeder von uns in den total verschmutzten und verwahrlosten Lagerbaracken eine leere Bettstelle in einem der käfigartigen Drei-Stock-Holzbetten gefunden hatte. Anstatt der Strohsäcke &#8211; wegen des Ungeziefers hatten andere Inhaftierte diese bereits verbrennen müssen &#8211; lagen nur fünf bis sechs schmale Querbretter darin. Auf diesen zu liegen und zu schlafen war eine zusätzliche und beabsichtigte Folter. Abends bekamen wir das erste warme Essen, einen Schlag (Schöpfkelle) stinkender Sauerkrautbrühe mit einer Scheibe Brot. Mit etwas Warmem im Magen, nach all den Tagen und Nächten des Hungers und Grauens, erwachte in uns doch wieder ein bisschen von der gänzlich verloren gegangenen Hoffnung und damit auch der Wille, dieses abscheuliche Geschehen und den auf uns ausgeübten Terror zu überleben. Egal, was auf uns noch zukommen mochte.</p>
<p>Früh um vier Uhr heulte die Lagersirene zum Wecken. „Sup, sup“ (Zack, zack) schrie man uns, die „deutschen Hunde und Schweine“, an. Wer zu langsam war, dem sauste die Knute oder der Gummiknüppel auf den Schädel. Man konnte alles recht gemacht haben, es fand sich für die Kapos immer ein Anlass, uns mit Freude zu quälen. So auch beim Antreten in Dreierreihen und beim Exerzieren, weil die meisten von uns in den ersten Tagen die tschechischen Kommandos nicht verstanden haben. Nach dem Wecken marschierten wir zum großen Speisesaal. Das Frühstück bestand aus einem Becher sehr heißen Malzkaffee und einer Scheibe Brot.</p>
<p>Im Eiltempo mussten wir alles hinunterschlingen. Meistens verbrannten wir uns dabei den Mund. Das war beabsichtigt und eine weitere Schikane. Ein Sättigungsgefühl verspürten wir die ganze Zeit über nicht, in keinem der drei Lager. Der Hunger war und blieb un¬ser ständiger Begleiter. Nach der eiligen Abfütterung traten die einzelnen Abteilungen wieder in Dreierrei¬hen zum Abmarsch an. Diese täglichen Märsche in die über vier Kilometer entfernten Hydrierwerke (vormals „Hermann-Göring-Werke“, später ab Mai 1945 „Stalin-Werke“ genannt) gehörten mit zu den gefürchteten Martern, die uns die tschechischen Wachtposten zufügten</p>
<p>Zudem mussten wir dabei deutsche Marschlieder singen. Es waren günstigen Gelegenheiten uns wehrlosen Deutschen ihre „Überlegenheit“ zu zeigen. Auch denjenigen von uns für die das Marschieren in den ausgetretenen Holzpantinen eine Tortur war. Besonders die älteren Männer, die geschunden und gequält inzwischen durch Unterernährung und Krankheiten geschwächt, litten sehr darunter. In den Hydrierwerken mussten wir mit Pickel und Schaufel schwerste Erd- und Ausgrabungsarbeiten verrichten. Viele Gebäude waren durch West-Alliierte Fliegerbomben beschädigt oder zerstört. Darin lagen noch halbverweste und verbrannte Leichen, die wir, bar jeglicher Pietät, zu bergen hatten.</p>
<p>Zu meiner großen Freude entdeckte ich eines Tages Professor Worzfeld. In unserer gemeinsamen Lagerzeit sah ich in ihm einen väterlichen Freund, den ich aber immer noch respektvoll mit „Herr Professor“ ansprach, obwohl wir Sträflinge uns alle duzten. Durch seine guten Tschechischkenntnisse konnte er schon in Postelberg und jetzt auch hier im Lager die erteilten Befehle übersetzen. Professor Worzfeld bewahrte uns in dieser Leidenszeit nicht nur vor schmerzvollen Strafen, sondern schon beim Todesmmarsch nach Postelberg und in der dortigen Kaserne vielleicht auch vor dem Tode. Bedauerlicherweise habe ich nach meiner Verlegung in das Zwangsarbeitslager für Jugendliche, „Tábor 17/18“, jeglichen Kontakt zu ihm verloren. Auch in den späteren Jahren habe ich ihn nicht wieder gesehen.</p>
<p>Eines Morgens verspürte ich Fieber. Beim Frühappell in der kalten Luft fror ich und bekam heftigen Schüttelfrost. Mein dadurch ausgelöstes Zähneklappern hörte ein Lagerkapo. Er warf mir von einem Haufen alte ehemalige Wehrmachts-Kleidungsstücke zu. Dankend nahm ich diese übel riechenden Klamotten entgegen und zog sie an. An diesem Tag widerfuhr mir die erste barmherzige Handlung eines Tschechen seit Kriegsende.</p>
<p>Viele Häftlinge erkrankten an der Ruhr und wurden in die „Marodka“ (Krankenbaracke) gebracht, die auch „Baracke ohne Wiederkehr“ genannt wurde. Dort versuchten zwei Saazer Ärzte, den Kranken so gut wie möglich zu helfen. Leider waren ihre Bemühungen ohne die erforderlichen medizintechnischen Einrichtungen, OP-Bestecke, sterile Verbands-Materialien und Medikamente fehlten meist erfolglos.</p>
<p>Die Kleider der Verstorbenen warf man vor die Baracke auf den vorher von mir erwähnten Haufen. In den ersten Wochen lagen die Leichen bis zum Abtransport gleich daneben. Später kamen die Toten zumindest in sargähnliche Holzkisten.</p>
<p>Bei Aufräumungsarbeiten im Hydrierwerk explodierte etwas weiter weg ein Bomben-Blindgänger. Dadurch wurde ich am linken Knie verletzt. In die Krankenbaracke ging ich aber nicht. Über ein Küchendienst-Tageskommando konnte ich mich, leicht verwundet krank und ausgemergelt wie ich war, leider nur kurz freuen. Unter der zentnerschweren Last der abzuladenden Kartoffelsäcke knickte ich 15-jähriger aus Schmerz und Entkräftung öfters ein. Dafür wurde ich von einem „hilfreichen Kapo“ kräftig geohrfeigt. Diese Art der Bestrafung empfand ich viel demütigender und erniedrigender als die wesentlich schmerzhafteren Fußtritte, Peitschen- oder Stockschläge, die uns während den Märschen und bei den schweren Arbeiten im Hydrierwerk zuteil wurden.</p>
<p>Zu meiner „Erholung“ von diesen Strapazen musste ich anschließend aus Sauerkrautfässern die oberen verfaulten Schichten solange entfernen, bis der Kapo „Stopp“ rief. Die in den Fässern verbliebenen stinkenden Sauerkrautreste wurden vor den Mahlzeiten mit heißem Wasser übergossen, und fertig war eine übel riechende, abscheulich schmeckende Brühe, unsere Sträflingssuppe. Während meiner Küchenarbeit -Kartoffelschälen- hörte ich jemanden sagen: Schaut her, jetzt beginnen die „Dressur-Kapos“ wieder mit ihren grausamen Menschen-Vorführungen.</p>
<p>Verstohlen sah ich durch ein Fenster in den dahinter liegenden Hofraum, der vom Hauptlager aus nicht einzusehen war. Aus zwei Baracken trieb man spärlich bekleidete, zumeist aber völlig nackte Sträflinge heraus. Wie ich später erfuhr handelte es sich bei diesen Männern hauptsächlich um ehemalige Angehörige der SS, SA, NSDAP, Polizei und der früheren Sudetendeutschen Partei aus den Städten Brüx, Komotau, Teplitz und Umgebung. Diese Männer hatte man vorher tagelang gequält und anschließend auf absolut todbringende Weise „entnazifiziert“. Vielleicht waren auch einige Saazer dabei.</p>
<p>Beim Anblick der schrecklich geschundenen und blutverkrusteten Menschenkörper empfand ich eine tiefe seelische Qual, die sich kurz darauf noch steigern sollte. Die „Dressur-Kapos“ begannen auf grausamste Art mit einigen Häftlingen ihre Vorführungen. Mit der systematischen Zerstörung menschlichen Lebens, mit der Vernichtung der bedauernswerten Todgeweihten. Aus niedrigsten Beweggründen fühlten sich die so unmenschlich handelnden tschechischen Kapos zu besonders bestialischen und unmenschlichen Vorgehensweisen an Deutschen veranlasst.</p>
<p>Unter den gezielten Stock- und Peitschenschlägen der Schergen und unter ihren wüsten Flüchen und höhnischem Gelächter, torkelten die Häftlinge völlig orientierungslos umher. Zwei sichtlich angetrunkene Kapos schauten dem Treiben zu. Ihre grölenden Worte konnte ich nicht verstehen. Sicher stachelten sie zu noch schlimmeren Martermethoden an. Kurz darauf wurde ein kleines Tor im doppelreihigen hohen Stacheldrahtzaun geöffnet und zwei Häftlinge forderte man unter Peitschenschlägen auf, „rychle, rychle“ (schnell, schnell) das Lager durch das „Tor der Freiheit“ zu verlassen.</p>
<p>Sie versuchten dabei möglichst aufrecht zu gehen. Die beiden tapferen Männer hatten wohl die Ausweglosigkeit ihrer Situation erkannt und suchten deshalb das für sie schnellste Ende ihrer unmenschlichen Leiden. Darauf hatten die herumstehenden tschechischen Bewacher nur gewartet. Sie benutzten die jetzt „Flüchtigen“ als Zielscheiben. Sichtbar von Kugeln getroffen fielen die beiden Männer hin, standen auf, wurden wieder getroffen, fielen erneut hin und starben schließlich durch Pistolenschüsse.</p>
<p>Bei dieser grauenerregenden Menschenjagd packte mich blankes Entset¬zen. Nach solchen vorsätzlichen Mordtaten hieß es beim nächsten Morgenappell lapidar: Nach Fluchtversuchen wurden die deutschen Verbrecher wieder eingefangen und gemäß Lagergesetz sofort liquidiert. Insbesondere eine Untat dieser Mordgesellen hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt und in meiner Seele Narben hinterlassen.</p>
<p>Einem unbekleideten Häftling band man erst die Hände auf den Rücken und dann eine Stielhandgranate unter seinen Genitalbereich. Mit einem Strick um den Hals führten ihn die tschechischen Sadisten wie einen Hund umher. Der Ärmste musste dabei dauernd „Heil Hitler“ rufen. Sicher glaubte er dabei nicht an seinen Tod, jedenfalls solange nicht, bis man ihn an den Rand eines leeren Löschteiches führte. Dort riss man die Zündschnur aus dem Stiel der untergehängten Handgranate heraus und stieß ihn schnell in das Betonbecken. Erst jetzt, seinen sicheren und unabwendbaren Tod vor Augen, verfluchte er bis zum letzten Augeblick seines Lebens die satanischen Peiniger. Durch die Explosion der Handgranate erfolgte buchstäblich die Auflösung dieses Mannes.</p>
<p>Meine ohnehin schon äußerst labile Psyche wurde durch das weit über die Grenzen der äußersten Belastbarkeit hinaus strapaziert. Die Blutwolke des getöteten Mannes noch vor Augen, weinte ich hemmungslos. In diesen Momenten kam es in mir zu einer totalen Leere. Die blitzschnelle Art der Zerstörung eines lebenden Menschen vor Augen war für mein Inneres eine noch schwerere Belastung als die, der ich bei der auch in meiner Nähe erfolgten Prügelung und unmenschlichen Exekution (Erschießung) der fünf armen 13 bis 15 Jahre alten Saazer Jungs an der Außenmauer der Postelberger Kaserne, bereits ausgesetzt war.</p>
<p><strong>Unbegreiflich ist, dass es immer wieder Menschen gibt, die an wehrlosen Mitmenschen extrem schmerzhafte Schändungen, Misshandlungen und Gräueltaten übelster Art begehen, um dabei ihre widerwärtigen Empfindungen und abartigen Gelüste auszuleben und zu stillen. Solche Taten haben die tschechischen Sadisten und Lager-Kapos bei zahllosen Deutschen begangen. </strong></p>
<p>An diesem Tag verlor ich fast das letzte bisschen Glauben an eine humanere Zukunft. Es zählte nur noch: Wie kann ich dieser Menschenvernichtung entgehen, diesen Terror hier überleben und wie schaffe ich das bis zum nächsten Tag?</p>
<p>In dieser qualvollen Zeit haben mir ehemalige Landser das Rauchen, als ein „wirksames Heilmittel“ gegen die Mutlosigkeit, den Frust und Hunger beigebracht. Während den Märschen zu den Arbeitsstellen bückten wir uns und rissen schnell einige Blätter Huflattich ab, die am Straßenrand wuchsen. Diese trockneten wir in der Sonne und zerrieben sie anschließend zwischen den Händen. Versteckt wickelten wir die Krümel in kleine Stückchen Zeitungspapier, diese fanden wir im Schutt, ein. An einem versteckten Ort rauchten wir dann den stinkenden und übel schmeckende Knast. Wir durften uns dabei nur nicht erwischen lassen.</p>
<p>Zuwiderhandlungen gegen die Lagerordnung wurden mit mindestens 25 Stockschlägen bestraft. So war der Besitz von Zeitungspapier auch verboten. Trotzdem war es, weil wir das Papier für die mit der Hand gedrehten Zigaretten dringend benötigten besonders begehrt. Über jede „Gedrehte“ war wie Medizin Vom Rauchen etwas benebelt, verblassten unsere trüben, entmutigenden Gedanken. Auch das in uns ständig nagende Hungergefühl ließ nach &#8211; wenn auch nur kurzzeitig.</p>
<p>Wir 15- und 16-Jährigen wurden mehrmals vom Lagerkommandanten, Kapitán Vlasač, selbst verhört und immer wieder gefragt, welcher Verbrechen an Tschechen wir uns schuldig gemacht hätten, und ob wir in der Nazi-Organisation „Werwolf“ als Partisanen gegen die Ostmächte gekämpft oder an sonstigen militärischen Aktionen teilgenommen hätten. Vlasač wollte unbedingt den Grund für unsere Einweisung in sein ethnisches „Spezial-Nazi-Tábor 28“, stolz nannte er es so, herausfinden.</p>
<p>Wir beteuerten wiederholt, dass die meisten von uns entweder DJ- oder HJ-Führer waren. Allerdings hatten wir wegen der Frontnähe an Vorbereitungsübungen zur Heimatverteidigung und an vormilitärischen Wehrertüchtigungs-Lehrgängen unter Leitung von deutschen Offizieren teilnehmen müssen. Ausgebildet wurde am Karabiner K98, am Maschinengewehr MG 42 und an der Panzerfaust. Darüber hinaus waren wir im Luftschutz- und Sanitätsdienst eingesetzt. Vor und nach den Bombenangriffen durch die Alliierten-Westmächte auf Saaz, hatten wir, wenn immer es notwendig war auch der tschechischen Bevölkerung stets unterschiedslos geholfen und ihr ebenso uneigennützig beigestanden.</p>
<p>Die von der Lagerkommandantur angestellten Nachforschungen und Überprüfungen unserer Aussagen hatten wohl ergeben, dass diese der Wahrheit entsprachen. Nur durch die satanische Willkür des zum Ungeheuer gewordenen tschechischen Lagerkommandanten von Postelberg, Josef Marek, kamen wir Jugendlichen und die anderen unschuldigen Saazer Männer (waren es 1500 oder mehr?) von Postelberg in das Nazi-Straflager Tabor 28“.</p>
<p>Die restlichen 300 bis 400 Lagerhäftlinge waren aus anderen Städten. Trotz der vielen ausgestandenen komplexen Leiden soll eine größere Anzahl von ehemaligen „28zigern“ überlebt haben. Allerdings hat dieses schlimme Martyrium bei vielen nicht nur gesundheitliche Schäden verursacht, sondern auch lebenslange Leiden hinterlassen. Ganz zu schweigen von den „28zigern“, die kurz danach an den Folgen der unmenschlichen Behandlung gestorben sind.</p>
<p>Eines Morgens mussten wir Jungs gesondert antreten. Es wurde uns eröffnet, dass wir in das „Arbeitslager für Jugendliche „Tábor 17/18“ verlegt werden. Da kam nach langer, langer Zeit wieder ein bisschen Hoffnung in uns auf. Es konnte wirklich nur noch besser werden! Ende Juni 1945 marschierten wir geschlossen in das Jugendarbeitslager. Dort gab es ein Wiedersehen mit einigen hundert Saazer Gleichaltrigen, die man von Postelberg aus direkt dorthin gebracht hatte.</p>
<p>Leider waren unsere Quartiere und die Verpflegung ebenso miserabel wie vorher im „Lager 28“. Nur Flöhe, Läuse und hauptsächlich Wanzen gab es mehr. Besonders mein Freund Franz Wolfram, hatte sehr darunter zu leiden. Aus Abfällen, die noch von französischen Kriegsgefangenen Soldaten stammten, klaubten wir halbverfaulte Kartoffeln heraus und rösteten diese auf einem kleinen Kanonenofen, um sie dann mit der Schale zu verzehren. Trotzdem schmeckten sie uns köstlich! Nur satt wurden wir davon nicht.</p>
<p>An sechs Tagen in der Woche verrichteten wir Zwangsarbeiten in die Hydrierwerken. Einige von uns, auch ich, hatten Glück. Wir wurden anderen deutschen Häftlingen zugeteilt, die bereits berufsbezogene Facharbeiten durchführten. Aufgrund unserer Schulkenntnisse in Physik kamen Franz Wolfram und ich in die Elektroabteilung. Mein (Häftlings-)Arbeitsvorgesetzter, Dipl.-Ing. Walter Mertens, ein ehemaliger Siemensangestellter war im Zwangsarbeitslager „Tábor 27“ inhaftiert.</p>
<p>Schon in der Kriegszeit war er in den Hydrierwerken als Spezialist für elektrische 500-Volt-Kraftstrom und 5000-Volt-Hochspannungs-Ringfeldanlagen mit integrierter Regelungstechnik tätig. Seine Persönlichkeit, sein Fachwissen und sein Durchhaltewillen haben mich in der Zeit unserer Zusammenarbeit, bis zu meiner Zwangsausweisung 1946, immer wieder geistig und psychisch aufgerichtet. Seine menschliche Zuwendung wirkte nachhaltig und war mit entscheidend für meinen beruflichen Werdegang. Auch meine Lebenseinstellung wurde davon stark beeinflusst.</p>
<p>Zur Sicherung der laufenden Benzin-, Gas- und Ölproduktion in den einzelnen Betriebswerken waren zu dieser Zeit wichtige Stellen von „Privilegierten“ besetzt. Es waren frei lebenden Deutsche, die sich freiwillig zur Arbeit im Stalin-Werk verpflichtet hatten. Von ihnen erhielten wir den Ratschlag, uns doch ebenfalls freiwillig zur Arbeit in den Hydrierwerken auf unbestimmte Zeit zu verpflichten. Denn nur auf diese Weise war es möglich aus der Lagerhaft und von der Zwangsarbeit befreit zu werden.</p>
<p>Mit Zustimmung unseres Werkstattleiters durften wir im Juli 1945 der Werkleitung und dem „Závodní Rada“ (Betriebsrat) unser Anliegen vortragen. Am nächsten Tag war es dann soweit. Jeder von uns fünfen erhielt eine Bescheinigung über die Anstellung als Hilfskraft in den staatlichen Stalin-Hydrierwerken. Bestätigt war sie von der „Vojenská Správa Závodu“ (Militärische Verwaltung des Werkes). Darin wurden uns auch unsere persönliche Freiheit und Sicherheit, das Eigentum und das weitere Wohnrecht in Saaz bis zu unserer Entlassung und Ausweisung am Tage X garantiert. Dazu erhielt ich den persönlichen Betriebsausweis Nr. 8445 und eine blaue Armbinde mit dem Aufdruck: „Stalinovy Závody u Mostu“ („Stalin-Werke bei Brüx“), die jeden von uns gegenüber den russischen und tschechischen Staatsorganen als „privilegierten deutschen Freigänger“ auswies.</p>
<p>Nach der Arbeit konnten wir mit der Blauen Binde am Arm, die Kontrolle am Werkstor anstandslos passieren. In diesem Augenblick zählten wir sicher mit zu den glücklichsten Menschen auf der Welt! Wir waren frei! Frei! Wirklich frei, und doch mussten wir wieder ins Lager 17/18 zurück, um uns dort vorschriftsmäßig abzumelden. Würde man uns tatsächlich aus der Zwangshaft entlassen? Wir waren innerlich sehr angespannt und konnten vor Aufregung nicht schlafen.</p>
<p>Am nächsten Tag erhielten wir die ersehnten Entlassungspapiere. Dennoch konnten aber an unser Freisein noch nicht so recht glauben. Zu sehr waren wir verunsichert. Erst als der Betriebsrat uns einen Tag zur Regelung unserer Angelegenheiten frei gab, wussten wir, dass wir es tatsächlich geschafft hatten. Franz Wolfram, Heinz Deimling, Werner Fuchs, Rudi Blumauer, Heinz Happich und ich, begaben uns gemeinsam auf den 40 Kilometer langen Weg zurück nach Saaz.</p>
<p>Nach einiger Zeit bekamen wir in den Holzpantinen wunde Füße. Außerdem schmerzte mir mein immer noch lädiertes Knie. Den anderen erging es auch nicht besser. Nur Franz Wolfram hatte noch seine eigenen Schuhe an. Notgedrungen setzten wir unseren noch weiten Weg fort. Zuerst wickelten wir Stofffetzen um die Füße, dann marschierten wir auch barfüßig. Während der langen Stunden des Marsches wurden wir von Hunger und Durst gequält. Um uns davon etwas abzulenken, stimmte Heinz Deimling, unser „Ober“, ein Lied an.</p>
<p>Es half nur wenig. In unserem körperlich völlig desolaten Zustand, nur vom eisernen Vorsatz „wir müssen es schaffen“ vorwärtsgetrieben bemerkten wir kaum, dass uns weder auf der Straße noch in den Ortschaften Deutsche begegneten. Die von uns angesprochenen Menschen waren immer Tschechen. Brüsk wendeten sie sich ab ohne uns etwas zum essen zu geben. Unseren Durst stillten wir mit schlecht schmeckendem Wasser aus Dorftrögen.</p>
<p>Endlich hatten wir das fast menschenleere Saaz erreicht. Wo waren all die Menschen bloß geblieben? Wir wussten ja nicht, dass man alle Frauen bis 70 Jahre zusammen mit ihren Kindern verhaftet und eingesperrt hatte. Jeder von uns ging gleich zu sich nach Hause. In unserer Wohnung traf ich nur meine alte, verhärmte, halb verhungerte und vollkommen entkräftete, ängstlich auf dem Sofa kauernde Großmutter an. Furcht erregend muss wohl mein zerlumptes und erbärmliches Aussehen auf die Arme gewirkt haben. Erst als ich ansprach erkannte sie mich an meiner Stimme und stammelte: „Mein Horstl, mein Horstl“. Unsere Freude über das unerwartete, kaum mehr erhoffte Wiedersehen war zwar groß, aber nicht frei von Sorge. Wohin hat man meine Mutter und meine 19 jährige Schwester verschleppt?</p>
<p>Im Moment war jedoch das Essen das Wichtigste. Deshalb musste ich für uns unbedingt etwas Essbares auftreiben, denn in der Küche war absolut nichts mehr vorhanden. Endlich entdeckte ich in den Kellerräumen einige Gläser mit Kompott und Rübensirup. Mein Heißhunger und die Gier auf etwas Süßes war so groß, dass ich beinahe ein ganzes Glas auf der Stelle leerte. Auch einige Kartoffeln fand ich und ging mit meinen Schätzen zurück in die Küche.</p>
<p>Die trocken gerösteten Kartoffelscheiben bestrichen wir mit Sirup und verzehrten sie mit großem Appetit. Endlich verspürte ich das seit so langer Zeit vermisste, wohltuende Gefühl der Sättigung. Gleichzeitig spürte ich, wie mein Lebensmut und Tatendrang zurückkam. Nach einer eiligen Körperreinigung versorgte ich meine arg malträtierten Füße und begab mich, seit Monaten wieder frisch und sauber angezogen, auf die Suche nach meiner Mutter und Schwester.</p>
<p>Beim „Národni vibor“ (National-Ausschuss / Stadtverwaltung) legte ich meine Ausweise vor und erkundigte mich nach dem Verbleib meiner Angehörigen. Man teilte mir mit, dass alle Frauen und Kinder in der ehemaligen SS-Kaserne inhaftiert wurden und auch weiterhin und ausnahmslos bis zu ihrem Abtransport &#8211; wohin wurde uns nicht gesagt &#8211; dort verbleiben müssten.</p>
<p>Am nächsten Tag, früh um vier Uhr, fuhren wir auf der offenen Pritsche eines Lastwagens abwechselnd stehend oder auf der blanken eisernen Ladefläche sitzend, das war bei Regen und in der kalten Jahreszeit auch nicht anders, in die Hydrierwerke zur Arbeit. Wir schilderten dem tschechischen Leiter der Elektro-Energieabteilung, unserem Chef, Dipl.-Ing. Bureš, die von uns in Saaz vorgefundene Situation.</p>
<p>Auf Grund seiner Zufriedenheit über die von uns geleisteten Arbeiten, durften wir beim Betriebsrat erneut vorstellig werden. Dort erhielt wieder jeder eine Bescheinigung für den „Narodni Vibor“ in Saaz. In der Anweisung stand, dass die sofortige Entlassung der Angehörigen aus der Zwangshaft zu veranlassen und durchzuführen ist. Nach der Arbeit und Rückfahrt nach Saaz, ließen wir dieses wichtige Dokument vom National-Ausschuss der Stadt bestätigen und gingen damit zur alten SS-Kaserne.</p>
<p>Bei unserem Erscheinen vor dem Kasernentor mit den blauen Binden am Arm &#8211; alle anderen Deutschen mussten weiße Armbinden tragen, die so genannten „Antifaschist / Antinationalsozialist“ hingegen rote Armbinden &#8211; kam es unter den armen eingesperrten Frauen zu tumultartigen Szenen. Wir wurden geradezu mit Fragen nach ihren verschollenen Angehörigen überhäuft. Wo ist mein Mann? Wo ist mein Vater? Wo ist mein Sohn? Nur wenige Fragen konnten wir beantworten.</p>
<p>Ich hatte zwar vor dem Krieg als Kind einige Sommerferien in Saaz verbracht, aber bis zu diesem Zeitpunkt nur vier Jahre lang in dieser Stadt gelebt. Deshalb kannte ich auch nur wenige Einwohner. Inzwischen hatte ein Miliz-Aufseher meine Mutter und Schwester herbeigeholt. Wir lachten und weinten und reichten uns durch den doppelten Stacheldrahtzaun hindurch die Hände. Über unser so unverhofftes Wiedersehen waren wir überglücklich. Es war spät geworden. Deshalb konnten wir erst am nächsten Tag unsere Lieben abholen und uns endlich wieder liebevoll umarmen. Es war ein tiefes ergreifendes und ein unvergesslich bleibendes Erlebnis. Sehr innig dankten wir unserem Herrgott dafür, dass er uns die Kraft gegeben, seinen Schutz gewährt, und uns wieder zusammengeführt hat.</p>
<p>Die Tausende in der Kaserne zurückgebliebenen Frauen hatten für die Freilassung unserer Angehörigen kein Verständnis. Sie wussten nicht den Grund dafür. So kam es im Lager zu Unruhen und Protesten. Einige Frauen beschimpften uns regelrecht. Warum auch sollten diese armen Frauen, die von den Tschechen gequält, beraubt, erniedrigt und hinter Stacheldraht eingesperrten wurden, in dieser für sie so entsetzlich unwürdigenden und äußerst hoffnungslosen Situation für uns auch nur das geringste Verständnis aufbringen? Darüber hinaus waren sie allein gelassen mit der Sorge um ihre verschollenen Männer, Väter, Söhne und sonstige Angehörige.</p>
<p>Unsere Zwangsausweisung erfolgte im September 1946. In Viehwaggons eingesperrt erreichten wir nach zwei Tagen die Westgrenze zum amerikanischen Sektor. In Furth im Walde in Bayern, bekamen wir leider nichts zu essen, dafür wurden wir mit dem in Fässern bereitstehenden hochgiftigen DDD-Pulver entlaust. Je eine Schöpfkelle voll Pulver kippte man jeden von uns vorne und hinten den Kragen und in die Hose. Wir sahen wie Schneemänner aus. Der nachher gereichte schwarze Kaffee linderte unseren Hunger etwas.</p>
<p>Am nächsten Tag erreichten wir unseren Bestimmungsort. Es war das Entlassungslager in Hockenheim am Rhein. In einer Turnhalle schliefen wir auf amerikanischen Militär-Klappbetten. Weil die Verpflegung nicht ausreichte, suchten wir Pilze im Wald. Dazu klauten wir Kartoffel und aus der Lagerküche amerikanisches Eipulver. In gebrauchten Konservendosen brachten wir diese Lebensmittel &#8211; alles ohne Fett und Salz &#8211; zum Bäcker. Das fertig Gebackene schmeckte scheußlich, aber es stillte etwas unseren seit fast zwei Jahren anhaltenden ewigen Hunger. Fazit: Viele Jahre lang konnte ich keine Pilze mehr sehen, geschweige essen.</p>
<p><strong>Dieser Bericht soll: </strong></p>
<li>Eine Ergänzung zur Thematik der für Saazer so unheilvollen Leidenszeit sein.</li>
<li>Das tschechische Volk zu der zwingend notwendigen Aufarbeitung seiner Geschichte auffordern. Denn wer nicht in die Vergangenheit zurückblickt, hat auch keine Zukunft vor sich!</li>
<li>Den einstmaligen fanatischen, verrohten und gottlosen, mit Hass gegen alles Deutsche erfüllten Teil der Tschechen erreichen und die Schuldigen zum aufrichtigen Bereuen ihres so schrecklichen Tun und Treibens in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg veranlassen.</li>
<li>Die bestehende und bleibende Forderung zur längst überfälligen, unmissverständlichen und endgültigen Aufhebung der „Beneš-Dekrete vom 19. Mai 1945“ bestätigen.</li>
<p><strong>Wir direkt betroffenen (Sudeten-) Deutsche haben Schäden an Leib und Seele erlitten, unsere Angehörigen wurden sadistisch ermordet! Uns wurde alles Hab und Gut geraubt! Wir haben weder dafür noch für die Zeit der Zwangsinhaftierung und für die geleistete Zwangsarbeit in Bergwerken, in Kohlengruben, in den Hydrierwerken, in der Landwirtschaft, im Straßenbau usw. finanzielle Entschädigungen erhalten.</strong><strong>3,5 Millionen Sudetendeutsche wurden von den Tschechen von Haus und Scholle ihrer angestammten Heimat vertrieben. 241.00 kamen dabei gewaltsam ums Leben. Unsere Heimat wurde uns auf Dauer genommen.</strong><strong>Von großer Bedeutung für uns Betroffene und für die europäische Geschichte wäre es, wenn die Tschechen zumindest die ideelle Verantwortung für das geschehene Unrecht übernehmen.</strong><strong>gez.<br />
Horst P. Helmer (Muhr a. See, im Januar 2001)</strong><strong><em>P.S.: Dieser Erlebnisbericht wurde in der „Sudetenpost“ und in der „Märkischen Zeitung“ veröffentlicht.</em></strong><br />
<a href="http://www.saazer-heimatstube.de/?page_id=42">Zum Artikel von Horst Helmer</a></p>
<p><strong><a href="http://www.horst-helmer-saaz.de">Private Homepage von Horst Helmer</a>r</strong></p>
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