Ein Spätsommertag in Saaz

Die „Stiftung Saazer Heimatmuseum“ hat zu einer Feierstunde am 30. Oktober 2011 in Žatec/Saaz im neuen parkähnlich angelegten Klostergarten eingeladen. Aufgestellt wurde eine Steinbüste des „Johannes von Saaz“ (Johannes Henslin) zur Erinnerung an die kulturellen Leistungen der Bürger von Saaz, unseren Vorfahren, die viele Jahrhunderte zurückreichen. Die Büste wurde nach vorhandenen Holzschnitten von Urs Koller, einem Bildhauer aus Rohrschach am Bodensee, im Auftrag des Saazer Kulturkreises und der Fördergemeinschaft Stiftung Saazer Heimatmuseum hergestellt.

Büste von Johannes von Saaz in Saaz/Zatec

Büste von Johannes von Saaz in Saaz/Zatec

Zu einem gemeinsamen Mittagessen im Hotel „Cerny Orel“ (Schwarzer Adler) am Schießhausplatz in Saaz, trafen sich 46 ehemalige Saazer und Heimatfreunde, die aus allen Teilen Deutschlands angereist waren. Der Vizebürgermeister der Stadt Žatec, Herr Ing. Jan Novotný und seine Sekretärin begrüßten die deutschen Gäste sehr freundlich. Nach dem harmonischen Zusammensein erfolgte um 14 Uhr die Einweihungsfestlichkeit im Klostergarten. Anwesend war Frau Bürgermeisterin Ždenka Hamousová und Herr Novotný, Abgeordnete der Stadt Žatec, zahlreiche Ehrengäste und die angereisten ehemaligen Saazer Bürger mit ihren Freunden und Bekannten.

Herr Dr. Gerhard Illing berichtete in seiner Ansprache auch darüber, dass die Absicht ein Denkmal von „Johannes von Saaz“ zu errichten, nach der Fertigstellung der vom Kulturkreis Saaz e.V. finanzierten Gedenkstätte im St.-Antonius-Friedhof in Saaz, zu Allerheiligen im Jahre 2008, in einem Gespräch mit den damaligen Bürgermeister Erich Knoblauch, Herrn Vizebürgermeister Aleš Kassal und Herrn Hans Ranek, dem Vermittler und Dolmetscher in allen Angelegenheiten des Saazer Kulturkreises und Heimatmuseums geplant wurde. Der Vorstand des Kulturkreises Saaz e.V. und einige langjährige Mitglieder haben sich intensiv darum bemüht, einen Bildhauer zu finden, der eine Büste von Johannes von Saaz. anfertigen könnte. Herr Urs Koller aus Rohrschach erklärte sich dazu bereit. Als Vorlagen diente eine Auswahl von Holzschnitten mit Abbildungen des berühmten und weltweit bekannt gewordenen Verfassers des Streitgespräches der „Ackermann und der Tod“, geschrieben in Saaz im Jahr 1400.

Herr Urs Koller fertigte eine gut gelungene Gussform an, in der drei Büsten aus Kunststein hergestellt wurden. Eine Büste wurde im Mai diesen Jahres Frau Bürgermeisterin Hamousová für die Stadt Žatec als Geschenk übergeben. Die zweite wird im Saazer Heimatmuseum in Georgensgmünd aufgestellt, die dritte Büste wird 2012 im neu gegründeten Saazer Heimatmuseum in der Stadt Schweinfurt aufgestellt. Die im Mai in Saaz übergebene Büste wurde auf einer von der Stadt Žatec in Auftrag gegebenen und gefertigten Edelstahlstele aufgesetzt. Die bemerkenswerten Inschriften auf der Stele in Tschechisch und Deutsch lauten:

Saaz Du Beglücktere unter den Schwesterstädten in Böhmen in Dir lebte und arbeite Johannes Henslin von 1383 bis 1411. Er war Rektor der 1256 gegründeten Lateinschule, Stadtschreiber, Verfasser des Streitgespräches der „Ackermann und der Tod“ des bedeutendsten Prosawerkes im Jahr 1400. Er verschaffte der Stadt Saaz in Böhmen in dieser Zeit hohes Ansehen und Ruhm“.

Gestiftet vom Saazer Heimatmuseum 2011

Auf der Rückseite der Stele befindet sich ein mit lateinischen Worten hergestelltes Kreuz.

> NOTARIUS VERITAS SPIRITUS SOPHIA MORS < (Notar, Wahrheit, Geist, Weisheit, Tod)

Herr Dr. Illing wies in seiner Ansprache darauf hin, dass 1419 Saaz von den Hussiten besetzt und dabei sehr viele Unterlagen vernichtet wurden und deswegen widersprüchliche Angaben über die Biografie des Johannes von Saaz vorliegen. Beispielsweise ist die Angabe, Johannes Henslin wäre erst 1411 nach Prag gegangen, zweifelhaft. Nach anderen Hinweisen verließ er bereits 1404 Saaz. In Prag sind bekanntlich 1409 erhebliche Unruhen ausgebrochen. Studenten und Professoren verließen 1409 Prag und gingen nach Leipzig. Vermutlich hat Henslin zeitweise bis 1411 in Saaz gewohnt, denn er besaß ein Turmhaus in der Stadtmauer. Mit der Aufstellung der Büste des Johannes von Saaz soll an die Zeit vor 700 Jahren hingewiesen werden und damit eine Verbindung zu seinem humanistischem Schaffen in seiner Stadt hergestellt werden. Er war ein geachteter Mitbürger und hat dazu beigetragen, dass Tschechen und Deutsche in einem vereinigten Europa in Frieden zusammenleben können.

Herr Gerold Schmiedbach Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde in Frankfurt/Main, hat in seiner Anschlussrede weitere Erklärungen abgegeben warum dieses Ereignis für eine Normalisierung der Verhältnisse so wichtig ist.

Seine Rede am Denkmal:
Wenn wir heute das Denkmal für Johannes von Saaz hier in Saaz einweihen, so zeigt auch dieses Ereignis, wie sich die Verhältnisse zwischen Tschechen und Deutschen normalisiert haben. Es gilt unverändert, nicht das Trennende herauszustellen, sondern das Gemeinsame, das, was uns verbindet.

Die Büste, die nun hier mitten im Klostergarten steht, ist auch für die Ackermann-Gemeinde eine große Freude; hat der Geehrte ihr doch den Namen gegeben. Warum ist der Ackermann von Saaz für Deutsche und Tschechen so wichtig? Der Ackermann, der mit dem Tod streitet, weiß, dass alles, was er auf dieser Erde schätzt und als ein hohes Gut empfindet, ständig gefährdet ist durch den Tod und Teufel. Es ist für den Menschen immer leidvoll, seine Grenzen zu erfahren.

Erst als der Ackermann bereit war, eine göttliche Ordnung im Weltgeschehen anzuerkennen, gab ihm der Tod den Rat, der ihm helfen soll, sein persönliches schweres Schicksal, den Verlust seiner jungen Frau, zu überwinden und die Menschheit gegen die Geißel des Todes innerlich zu festigen. Er riet ihm:

– Kehr dich vom Bösen und tue das Gute!
– Suche den Frieden und übe ihn stets!
– Über alle irdischen Dinge habe lieb ein reines und lauteres Gewissen!

Diese Sendung ist auch an die heutigen Generationen gerichtet, sie ist zeitlos und richtet sich eben auch an Deutsche wie an Tschechen. Der Ackermann-Gemeinde, die nach dem zweiten Weltkrieg von aus der Tschechoslowakei ausgewiesenen Deutschen gegründet wurde, ist dieser christliche Humanismus eine Aufforderung für ihre Einstellung und Tätigkeit. Es gibt diese Gemeinschaft seit gut 60 Jahren. Aus dem gleichen Gebiet entstand vor über zehn Jahren die tschechische Ackermann-Gemeinde, die Združeni Acker-Gemeinde mit Sitz in Prag. Wir sind Schwesterorganisationen, die eng verbunden sind. So trägt Johannes von Saaz auf mehrfacher Weise dazu bei, dass sich Tschechen und Deutsche heute auf europäischer Ebene wieder finden und für eine gute gemeinsame europäische Zukunft arbeiten. Seine anspruchsvolle Dichtung ermahnt uns, uns zu bewähren!

Mit dem Streit des Ackermanns mit dem Tod soll an die göttliche Ordnung erinnert werden. Schwere Verluste, großes Leid, die Johannes durch den frühen Tod seiner jungen Frau Margaretha erfuhr, sind durch die Abkehr vom Bösen und die Suche nach dem Guten zu überwinden. Diese Ratschläge werden auch uns für die Suche nach einem dauerhaften Frieden gegeben und uns die Einsicht vermitteln aus der Vergangenheit zu lernen. Die Aufstellung der Büste ist ein wichtiger Schritt in eine friedliche europäische Zukunft. Der 30. Oktober 2011 wird uns daran erinnern und der Tag wird unvergessen bleiben.

Wer Opfer vergisst, tötet sie noch einmal

Nach dem feierlichen Ereignis im Klostergarten, über 70 interessierte Personen nahmen an der Einweihung teil, darunter auch viele Tschechen, wurde die in 2008 vom Kulturkreis Saaz e.V. in enger Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung Žatec errichtete Gedenkstätte im sehr gepflegten St.-Antonius-Friedhof besucht. Die Gedenkstätte war mit herbstlichem Laub bedeckt und vermittelte den vielen Besuchern die Stimmung für ein stilles Gedenken. Für Allerheiligen und Allerseelen wurden Blumen und Kränze niedergelegt und Kerzen angezündet.

Auch die Nachkriegsopfer in 1945/46, es waren hauptsächlich deutsche Bürger und Kinder der Stadt Saaz, waren die Folgen einer verfehlten Politik. Es darf kein Tabu geben die Verantwortlichen dafür zu nennen. Der 28. Oktober ist der Gründungstag der ersten tschechoslowakischen Republik, einem Vielvölkerstaat mit 14 Millionen Einwohnern, darunter etwa 7 Millionen Tschechen, 3,5 Millionen Deutschen und 3,5 Millionen Slowaken, Ungarn, Polen und Ukrainer.

Die Herren Masaryk und Benesch hatten während des ersten Weltkrieges in den USA den damaligen Präsidenten Wilson besucht und ihn gebeten, nach dem Kriegende und der Zerschlagung des Vielvölkerstaates Österreich einen eigene Staat zu bekommen. Wilson hatte zugestimmt unter der Bedingung, der Gleichberechtigung aller Mitbürger nach dem Vorbild der Schweiz. Leider haben die beiden Herrn dieses Versprechen gebrochen und einen tschechischen Nationalstaat gegründet mit tschechisch als einziger Landessprache.

Mit der gesetzlichen Anordnung, dass tschechisch die alleinige Staatssprache ist, verloren alle Staatsangestellten bei der Bahn, Post, die Lehrer im Schuldienst und alle sonstigen Beamten oder Angestellte, die über keine ausreichenden Kenntnisse der tschechischen Sprache verfügten, ihre Anstellungen. Es entstand ein Millionheer von Arbeitslosen, die zwangsläufig gegen diesen neuen Staat waren. Daraus sind auch die Voraussetzungen für die schrecklichen Ereignisse in den darauf folgenden Jahrzehnten entstanden.

Dem Kulturkreis Saaz e.V. ist es nach jahrelangen Bemühungen gelungen, die ehrenvolle Gedenkstätte im St.-Antonius-Friedhof zu errichten, um damit an die Ursachen und an die vielen unschuldigen Opfer der Verfolgung und Vertreibung in den Jahren ab 1920 bis 1946 zu gedenken. Das gilt auch für alle tschechischen und jüdischen Mitbürger. Wir können nur hoffen, dass die Menschen aus diesem unsäglichen Leid, das unschuldigen und wehrlosen Menschen zugefügt wurde, lernen und wach bleiben, dass nie mehr ein so schreckliches Feindbild in den Herzen wachsen kann. Die Menschenrechte und die gottgegebene Würde, die jedem Menschen innewohne, seien im wahrsten Sinn des Wortes mit Füßen getreten worden. Es ist nun die Aufgabe der immer weniger werdenden Zeitzeugen auf tschechischer und deutscher Seite Nachkommen zu finden und zu beauftragen, diesen Weg in eine gemeinsame Zukunft in Freiheit und Frieden zu finden und zu sichern.

Herr Hans Ranek, Historiker, geboren am 11.01.1929 in Saaz, hat sich für die Durchsetzung der kulturellen Interessen des Kulturkreises Saaz e.V. in Saaz über Jahrzehnte lang mit seinen guten Sprachkenntnissen, seinen Verbindungen und engen Kontakten zur Stadtverwaltung Žatec und anderen Institutionen uneigennützig eingesetzt und diese wertvollen Verbindungen ständig gepflegt und aufrecht erhalten. Dafür gebührt ihm unser uneingeschränkter Dank. So ermöglichte er auch die Errichtung der Gedenkstätte im Friedhof und die Aufstellung der Büste des Johannes von Saaz im Klostergarten. Leider konnte er aus gesundheitlichen Gründen, er befindet sich derzeit im Saazer Krankenhaus, nicht an dem Zusammentreffen teilnehmen. Seine geliebte Frau Antonie ist am 7. November 2011 verstorben. Wir wünschen unserem lieben und treuen Heimatfreund Hans Ranek eine möglichst baldige Genesung.

Dr. Gerhard Illing und Horst Helmer im Namen der Stiftungsbeiräte und der Saazer Freunde. Herzlicher Dank gebührt den treuen Helfern und Gönnern der Stiftung Saazer Heimatmuseum.

November 2011

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Zu der Einweihung der Büste haben uns viele Fotos erreicht. Diese werden derzeit gesammelt und in kürze für Interessierte zur Verfügung gestellt. Wenn Sie auch Fotos von der Veranstaltung gemacht haben, oder gar einen Bericht darüber schreiben wollen, dürfen Sie sich gerne an uns wenden.

mail@saazer-heimatmuseum.de

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